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Digitalisierung der Immobilienbewertung: Software, Datendienst oder eigene Automatisierung?

7 Min. LesezeitVon FlowAgentur
Digitalisierung der Immobilienbewertung: Software, Datendienst oder eigene Automatisierung?

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Kurz gesagt: Digitalisieren lässt sich bei der Immobilienbewertung vor allem die Vorarbeit: Unterlagen anfordern und ordnen, Objektdaten aus Dokumenten übernehmen, Vergleichsdaten zusammentragen und Berichtsbausteine vorbereiten. Die eigentliche Wertermittlung bleibt eine begründete fachliche Entscheidung. Nach § 6 ImmoWertV ist die Wahl des Verfahrens zu begründen, und der Verkehrswert ist unter Würdigung der Aussagefähigkeit der Verfahrenswerte zu ermitteln. Welcher der drei Wege für dein Büro passt (fertiges Produkt, individuelle Automatisierung oder bewusst nichts ändern), entscheidet vor allem die Zahl der Fälle pro Jahr und der Anteil an Vorarbeit.

Dieser Text richtet sich an Sachverständigenbüros, Makler und Verwaltungen, die Bewertungen regelmäßig vorbereiten oder selbst erstellen. Er ist keine Rechtsberatung. Wie du eine passende Umsetzung überhaupt auswählst, steht in unserem Leitfaden zur Auswahl einer KI-Agentur.

Was das Recht an der Bewertung festlegt

Der Verkehrswert ist in § 194 BauGB definiert: der Preis, der zum Stichtag im gewöhnlichen Geschäftsverkehr nach den rechtlichen Gegebenheiten, den tatsächlichen Eigenschaften, der sonstigen Beschaffenheit und der Lage zu erzielen wäre, ohne Rücksicht auf ungewöhnliche oder persönliche Verhältnisse. Die Immobilienwertermittlungsverordnung konkretisiert, wie man dorthin kommt. Für die Digitalisierung sind vier Stellen wichtig:

  • Verfahrenswahl mit Begründung. § 6 ImmoWertV nennt Vergleichswert-, Ertragswert- und Sachwertverfahren. Sie sind nach der Art des Objekts, den Gepflogenheiten im Geschäftsverkehr und der Eignung der Daten zu wählen; die Wahl ist zu begründen. Eine Software kann Verfahren rechnen. Die Begründung, warum genau dieses passt, ist Teil der fachlichen Leistung.
  • Eignung der Daten. Nach § 9 ImmoWertV sind Daten geeignet, wenn sie in Bezug auf den Stichtag aktuell sind, den Grundstücksmarkt repräsentativ abbilden und Abweichungen berücksichtigt werden können. Ein Datendienst mit veralteten oder unpassenden Vergleichsobjekten liefert also schnell, aber nicht automatisch geeignet.
  • Besondere objektspezifische Merkmale. § 8 ImmoWertV nennt unter anderem Baumängel und Bauschäden, Bodenverunreinigungen sowie Rechte und Belastungen. Sie weichen nach Art oder Umfang erheblich vom Üblichen ab und werden durch Zu- oder Abschläge berücksichtigt. Genau hier scheitern Standardmodelle am ehesten, weil das Besondere nicht im Standardformular steht.
  • Würdigung am Ende. Der Verkehrswert wird aus den Verfahrenswerten unter Würdigung ihrer Aussagefähigkeit abgeleitet (§ 6 Absatz 4). Das ist keine Rechenoperation, sondern ein Urteil.

Was sich aus Unterlagen übernehmen lässt und was nicht

§ 2 Absatz 3 ImmoWertV zählt Grundstücksmerkmale auf, die zum Grundstückszustand gehören. Die folgende Zuordnung ist unsere Einschätzung, keine Vorgabe der Verordnung: Sie zeigt, wo eine Datenübernahme aus Dokumenten sinnvoll ist und wo ein Mensch hinsehen muss.

Merkmal (Auswahl aus § 2 Abs. 3)Aus Unterlagen ableitbar?Was trotzdem zu prüfen bleibt
Grundstücksgröße, ZuschnittMeist ja, etwa aus Flurkarte oder KatasterauszugÜbereinstimmung mit der Örtlichkeit
Art und Maß der baulichen NutzungTeilweise, aus PlanunterlagenAktualität und Auslegung im Einzelfall
Baujahr, Alter, Größe der baulichen AnlagenTeilweise, aus Bauunterlagen und FlächenberechnungenUmbauten, Anbauten, abweichende Flächenangaben
Ausstattung und QualitätKaumOrtsbesichtigung
Baulicher Zustand, BaumängelNeinOrtsbesichtigung und fachliche Beurteilung
Rechte und BelastungenTeilweise, aus dem GrundbuchWortlaut und Auswirkung auf den Wert
ErtragsverhältnisseTeilweise, aus Mietverträgen und AbrechnungenMarktüblichkeit, Leerstand, Sondervereinbarungen

Die Faustregel daraus: Alles, was als Wert oder Text in einem Dokument steht, lässt sich übernehmen und gegenprüfen. Alles, was Beurteilung braucht, bleibt beim Menschen.

Drei Wege im Vergleich

Fertiges Produkt (Bewertungssoftware oder Datendienst)Individuelle Automatisierung der VorarbeitBewusst nichts ändern
Was es übernimmtBerechnung nach hinterlegten Modellen, Datenbezug, BerichtsvorlagenUnterlagen anfordern, nachfassen, Daten übernehmen, Ablage, Berichtsgerüst füllenNichts, aber Vorlagen und Checklisten schaffen Ordnung
StärkeSofort nutzbar, gepflegt vom AnbieterPasst zum eigenen Ablauf und den eigenen SystemenKeine laufenden Kosten, kein Wartungsaufwand
SchwächeAblauf muss sich dem Produkt anpassen; Modellgrenzen bleibenEinrichtung und Pflege kosten Geld und interne ZeitVorarbeit bleibt Handarbeit
Prüffrage vor dem StartFür welche Objektarten und Zwecke ist es laut Anbieter gedacht, und wie werden Datenherkunft und Aktualität ausgewiesen?Welche Schritte wiederholen sich mehrfach pro Woche, und wer kontrolliert das Ergebnis?Wie viele Fälle pro Jahr, wie viel davon ist Vorarbeit?
Passt eher beiStandardobjekten, einheitlichen Zwecken, geringem AnpassungsbedarfVielen gleichartigen Fällen mit eigenen AblaufregelnWenigen Fällen im Jahr

Die Wege schließen sich nicht aus. Ein Büro kann ein Bewertungsprodukt für die Rechnung nutzen und die Unterlagenbeschaffung davor separat automatisieren. Konkrete Produkte haben wir hier bewusst nicht verglichen: Funktionsumfang und Preise ändern sich, und eine Rangliste ohne eigenen Test wäre keine belastbare Grundlage.

Fiktives Rechenbeispiel: Vorarbeit automatisieren

Angenommene Werte, keine Kundenzahlen: Ein fiktives Sachverständigenbüro erstellt 10 Bewertungen pro Monat, also 120 im Jahr. Die Vorarbeit (Unterlagen anfordern, nachfassen, Daten abtippen, Vergleichsdaten zusammentragen) dauert bisher 3,5 Stunden je Fall. Nach einer Automatisierung bleiben angenommen 1,5 Stunden je Fall für Kontrolle und Nacharbeit sowie 20 Stunden interne Pflege im Jahr. Wir rechnen mit 60 Euro kalkulatorischen Kosten je Stunde. Alle Beträge ohne Umsatzsteuer.

  • Vorher: 120 × 3,5 = 420 Stunden im Jahr.
  • Nachher: 120 × 1,5 + 20 = 200 Stunden im Jahr.
  • Freie Kapazität: 220 Stunden, bewertet mit 13.200 Euro.
  • Externer Betrieb: angenommen 150 Euro im Monat = 1.800 Euro im Jahr.
  • Kalkulatorischer Nutzen: 13.200 − 1.800 = 11.400 Euro im Jahr.

Bei angenommenen 6.000 Euro Einrichtung und 12 Stunden interner Einführung (720 Euro) beträgt die Anfangsinvestition 6.720 Euro. Die kalkulatorische Rückzahlungszeit liegt bei 6.720 ÷ 11.400 × 12 = rund 7 Monate, sofern die freie Zeit tatsächlich in zusätzliche Aufträge oder vermiedene Kosten fließt.

Die Rechnung kippt schnell. Bleiben nachher 2,5 statt 1,5 Stunden je Fall, sinkt die freie Kapazität auf 100 Stunden, der jährliche Nutzen auf 4.200 Euro und die Rückzahlungszeit steigt auf rund 19 Monate. Ein kleines Büro mit 12 Bewertungen im Jahr (angenommen dieselben Stundenwerte) kommt vorher auf 12 × 3,5 = 42 Stunden und nachher auf 12 × 1,5 + 20 = 38 Stunden. Der Gewinn von 4 Stunden ist rund 240 Euro wert und liegt unter angenommenen 1.200 Euro Jahresbetrieb. Dort lohnt sich Automatisierung nicht. Das Beispiel zeigt eine Methode, keine Prognose für dein Büro. Ausführlicher zu Kostenbestandteilen: Was KI-Automatisierung wirklich kostet.

Wo Automatisierung endet oder rechtlich eng wird

Persönliche Leistung bei öffentlicher Bestellung. Öffentlich bestellte Sachverständige werden nach § 36 GewO darauf vereidigt, ihre Aufgaben unabhängig, weisungsfrei, persönlich, gewissenhaft und unparteiisch zu erfüllen und ihre Gutachten entsprechend zu erstatten. Nach unserem Verständnis schließt das Werkzeuge nicht grundsätzlich aus, spricht aber dagegen, ein Ergebnis ungeprüft aus einer Maschine zu übernehmen. Zulässigkeit und Dokumentation von Hilfsmitteln regelt die bestellende Stelle; frag dort nach, bevor du einen Ablauf produktiv nimmst.

Bank- und Beleihungszwecke. Für den Beleihungswert von Pfandbriefbanken verlangt § 5 BelWertV ein Gutachten, das Objekt ist zu besichtigen, und Gutachten, die der Darlehensnehmer vorgelegt oder in Auftrag gegeben hat, dürfen nicht zugrunde gelegt werden. Für wohnwirtschaftliche Objekte mit Darlehen bis 600.000 Euro erlaubt § 24 BelWertV unter Bedingungen eine vereinfachte Wertermittlung statt des Gutachtens. Wer Bewertungen für Banken erstellt, klärt daher vorab mit dem Auftraggeber, welche Form dieser akzeptiert.

Datenzugang. Die Kaufpreissammlung ist nach § 195 Absatz 3 BauGB nur bei berechtigtem Interesse nach landesrechtlichen Vorschriften zugänglich. Bodenrichtwerte kann dagegen nach § 196 Absatz 3 BauGB jedermann von der Geschäftsstelle erfragen. Ein Workflow, der Vergleichsdaten „einfach abgreift“, kann also gegen Nutzungsbedingungen verstoßen. Das Grundbuch ist ebenfalls nicht frei einsehbar: § 12 GBO verlangt ein berechtigtes Interesse, das darzulegen ist.

Personenbezogene Daten. Eigentümerdaten, Mietverträge und Grundbuchinhalte sind personenbezogen. Wer sie an einen KI-Dienst übergibt, braucht Rechtsgrundlage, Auftragsverarbeitung und Klarheit über den Speicherort. Die Grundlagen stehen in unserem Beitrag DSGVO und KI: Was im Unternehmen erlaubt ist.

So prüfst du einen Anbieter, bevor du unterschreibst

Ein Testablauf mit deinen eigenen, anonymisierten Altfällen sagt mehr als jede Vorführung:

  1. Zehn abgeschlossene Fälle auswählen, darunter zwei bis drei schwierige (unvollständige Unterlagen, Sonderrechte, abweichende Flächenangaben).
  2. Anbieter die Vorarbeit ausführen lassen, ohne dein Ergebnis zu zeigen.
  3. Feld für Feld vergleichen: Grundstücksgröße, Baujahr, Flächen, Rechte und Belastungen. Zähle Abweichungen und notiere, welche Art von Fehler es war (falsch gelesen, nicht gefunden, falsch zugeordnet).
  4. Nachfragen prüfen: Meldet das System fehlende oder widersprüchliche Angaben, oder trägt es stillschweigend einen Wert ein?
  5. Abnahmekriterien vorher schriftlich festlegen, zum Beispiel eine Höchstzahl akzeptierter Abweichungen bei Pflichtfeldern und null unbemerkte Fehler bei Rechten und Belastungen.

Eine Vorlage für Testfälle und Abnahme findest du in der Arbeitsvorlage zum Testen einer Automatisierung. Vergleiche Angebote außerdem nach Leistungsumfang, Betreuung, Datenstandort und Ausstiegsmöglichkeiten, nicht nur nach dem Einrichtungspreis.

Der nächste Schritt

Zähle für die letzten zwölf Monate, wie viele Bewertungen du bearbeitet hast und wie viele Stunden Vorarbeit je Fall angefallen sind. Setze diese Zahlen in die Rechnung oben ein. Wenn sich ein Nutzen zeigt, kläre zuerst den Ablauf mit einer Prozessanalyse. Für Maklerbüros steht die Einordnung in Was ist die beste KI für Immobilienmakler?, die Branchenseite KI für Immobilienmakler zeigt typische Abläufe.

Quellen und Grundlagen

Niko Kozak, Gründer von FlowAgentur

Geschrieben von Niko Kozak

Gründer von FlowAgentur. Führt die Prozessanalysen durch — über 300 bisher — und entscheidet mit den Betrieben, welche Abläufe sich automatisieren lassen und welche nicht. Was hier steht, stammt aus diesen Gesprächen und aus über 2.000 umgesetzten Automatisierungen bei über 200 Unternehmen.

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Häufige Fragen dazu

Kann eine KI ein Verkehrswertgutachten erstellen?
Sie kann Vorarbeit leisten, etwa Unterlagen ordnen, Daten übernehmen und Textbausteine vorbereiten. Die Wertermittlung selbst bleibt eine fachliche Entscheidung: Nach § 6 ImmoWertV sind die Verfahren nach Art des Objekts zu wählen, die Wahl ist zu begründen, und der Verkehrswert ist unter Würdigung der Aussagefähigkeit der Verfahrenswerte zu ermitteln. Wer öffentlich bestellt und vereidigt ist, hat nach § 36 GewO zudem persönlich zu arbeiten. Wie weit Hilfsmittel dabei zulässig sind, regelt die bestellende Stelle; frag dort nach.
Was ist der Unterschied zwischen einer Online-Bewertung und einem Gutachten?
Der Verkehrswert wird nach § 194 BauGB durch den Preis bestimmt, der zum Stichtag im gewöhnlichen Geschäftsverkehr nach den rechtlichen Gegebenheiten, tatsächlichen Eigenschaften, Beschaffenheit und Lage zu erzielen wäre. Ein Onlinewert kann eine erste Orientierung geben; ob er diese Anforderungen für den konkreten Fall erfüllt, zeigt sich erst an den Eingaben und dem Verfahren dahinter. Für Zwecke wie Beleihung, Erbauseinandersetzung oder Gericht gelten je nach Verwendung eigene Anforderungen, die vorher zu klären sind.
Dürfen Bodenrichtwerte und Kaufpreise automatisch abgerufen werden?
Für Bodenrichtwerte sieht § 196 Absatz 3 BauGB vor, dass jedermann von der Geschäftsstelle des Gutachterausschusses Auskunft verlangen kann. Die Kaufpreissammlung ist dagegen nur bei berechtigtem Interesse und nach landesrechtlichen Vorschriften zugänglich (§ 195 Absatz 3 BauGB). Ob und wie ein maschineller Abruf erlaubt ist, hängt daher von den Nutzungsbedingungen des jeweiligen Bundeslands und der Geschäftsstelle ab.
Lohnt sich die Digitalisierung bei wenigen Bewertungen im Jahr?
Meist nicht als Individualprojekt. In unserem fiktiven Rechenbeispiel ergibt sich bei zwölf Bewertungen im Jahr kein Nutzen, weil laufende Kosten und Pflege den Zeitgewinn übersteigen. Bei kleinen Mengen ist eine gute Vorlagenmappe, eine Checkliste für Unterlagen und die vorhandene Funktion eurer Software der bessere erste Schritt.