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Branchen

Retouren automatisiert abwickeln

5 Min. LesezeitVon FlowAgentur

Eine Retoure ist im Onlinehandel kein Ausnahmefall, sondern Alltag — und trotzdem läuft sie in vielen Betrieben noch wie ein Sonderfall: Paket öffnen, Zustand prüfen, im System suchen, Betrag berechnen, erstatten, Lagerbestand nachführen. Bei zehn Retouren am Tag ist das eine Person, die den halben Tag mit nichts anderem beschäftigt ist.

Dabei folgt die große Mehrheit der Retouren denselben wenigen Mustern: falsche Größe, Artikel gefällt nicht, doppelt bestellt. Genau das macht sie zu einem guten Kandidaten für Automatisierung — mit einer klaren Grenze dort, wo ein Fall vom Muster abweicht.

Die kurze Antwort

Retouren lassen sich automatisiert abwickeln, indem ein System den Retourenschein oder die Rücksendeanmeldung mit der ursprünglichen Bestellung abgleicht, den Rückgabegrund erfasst, bei plausiblen Standardfällen die Erstattung anstößt und den Lagerbestand aktualisiert. Für Fälle wie „passt nicht", „gefällt nicht" oder „doppelt bestellt" innerhalb der Rückgabefrist braucht es dabei keine manuelle Prüfung mehr. Sobald eine Retoure vom Muster abweicht — Beschädigung, Frist überschritten, ungewöhnlich hohe Rücksendequote bei einem Kunden, Streitfall —, wird sie an einen Menschen weitergegeben, der die Informationen bereits vorbereitet vorfindet. Der Effekt zeigt sich vor allem in der Bearbeitungszeit: Aus Tagen zwischen Wareneingang und Erstattung werden Stunden, was bei Zahlungsdienstleistern und in Bewertungen unmittelbar zählt.

Wie ein automatisierter Retourenablauf aufgebaut ist

Retoure ankündigen und zuordnen. Meldet ein Kunde eine Rücksendung über das Shop- oder Retourenportal an, gleicht das System die Angaben automatisch mit der Bestellung ab: Artikel, Menge, Kaufdatum, Rückgabefrist. Fehlt eine Angabe oder liegt die Bestellung außerhalb der Frist, wird der Vorgang markiert, statt automatisch weiterzulaufen.

Rückgabegrund einordnen. Die häufigsten Gründe — falsche Größe, gefällt nicht, doppelt bestellt, falsch geliefert — lassen sich als feste Kategorien hinterlegen. Ein System kann den vom Kunden angegebenen oder im Retourenschein vermerkten Grund dieser Kategorie zuordnen und danach entscheiden, ob der Fall automatisch weiterläuft.

Wareneingang prüfen. Sobald das Paket im Lager erfasst ist, gleicht das System den tatsächlichen Zustand mit den Angaben ab. Bei Standardfällen ohne Beschädigungsmeldung reicht die Bestätigung „Ware eingegangen, Zustand in Ordnung", um die Erstattung auszulösen.

Erstatten und Bestand nachführen. Bei einem klaren Standardfall stößt das System die Rückerstattung über den ursprünglichen Zahlungsweg an und bucht den Artikel zurück in den verfügbaren Bestand. Beides von Hand nachzuziehen ist genau die Arbeit, die sich am schnellsten summiert — und am leichtesten automatisieren lässt, weil sie kaum Ermessen braucht.

Kunden über den Status informieren. Ein Teil der Kundenanfragen im Retourenprozess entsteht nur, weil niemand weiß, wo die Rücksendung gerade steht. Ein System, das den Kunden automatisch informiert — Retoure angekommen, Prüfung läuft, Erstattung ausgelöst — verhindert einen guten Teil dieser Nachfragen, bevor sie im Postfach landen. Wie sich Kundenanfragen allgemein so automatisieren lassen, dass sie nicht nach Bot klingen, steht im Beitrag Kundenanfragen automatisch beantworten.

Was automatisch läuft und was nicht

| Fall | Automatisierbar | Grenze | |---|---|---| | Falsche Größe, gefällt nicht, doppelt bestellt, innerhalb der Frist | Ja | — | | Falschlieferung durch den Händler | Ja | Ursache wird protokolliert, damit sich Muster erkennen lassen | | Beschädigt gemeldete Ware | Teilweise | Plausibilitätsprüfung und Foto-Sichtung bleiben manuell | | Retoure knapp außerhalb der Frist | Nein | Kulanzentscheidung bleibt beim Menschen | | Auffällig hohe Rücksendequote bei einem Kunden | Nein | Muster wird markiert, Entscheidung bleibt manuell | | Widerspruch oder Streitfall zur Erstattungshöhe | Nein | Gehört vollständig in menschliche Kommunikation |

Eine Beispielrechnung

Ein Onlinehändler mit acht Mitarbeitenden bearbeitet 80 Retouren pro Woche. Jede kostet im Schnitt 6 Minuten — Paket öffnen, Zustand prüfen, im System suchen, Erstattung buchen, Bestand nachführen.

  • Zeitaufwand: 80 × 6 × 46 ÷ 60 = 368 Stunden im Jahr
  • Kosten bei 45 Euro Vollkosten je Stunde: 16.560 Euro im Jahr
  • Realistisch automatisierbar: rund 65 Prozent, weil ein Teil der Retouren Rückfragen oder eine Zustandsprüfung braucht
  • Ersparnis: rund 10.760 Euro im Jahr

Bei einer Einrichtung im Bereich von 3.000 bis 7.000 Euro, abhängig davon, wie viele Systeme angebunden werden, ist die Investition nach rund vier bis acht Monaten wieder drin. Wie sich diese Rechnung auf andere Abläufe übertragen lässt, steht im Beitrag Was KI-Automatisierung wirklich kostet.

Wo es eng wird

Beschädigte Ware. Ob ein Transportschaden plausibel ist oder ob ein Muster bei einem bestimmten Kunden auffällt, ist eine Einschätzungsfrage. Ein System kann Fotos und Angaben zusammenstellen, die Entscheidung sollte bei einer Person bleiben.

Kulanz außerhalb der Regel. Eine Retoure zwei Tage nach Fristablauf ist kein technisches, sondern ein geschäftliches Thema — wie großzügig ein Betrieb hier ist, hängt vom Kunden, vom Warenwert und von der eigenen Linie ab. Das lässt sich nicht sauber in eine feste Regel pressen, ohne entweder zu großzügig oder zu streng zu werden.

Widerruf und Erstattungsfrist. Für den Widerruf im Fernabsatz gelten gesetzliche Fristen und Pflichten zur Erstattung. Ein automatisierter Ablauf kann diese Fristen einhalten helfen, indem er sie im Blick behält — er ersetzt aber nicht die Prüfung, ob eine Erstattung im Einzelfall rechtlich korrekt abgewickelt wird. Das bleibt Aufgabe des Betriebs, nicht der Automatisierung.

Retouren aus dem Ausland. Sobald eine Bestellung aus einem anderen Land zurückkommt, können Zoll- oder Umsatzsteuerfragen dazukommen, die sich nicht pauschal in eine Regel fassen lassen. Solche Fälle gehören zur Prüfung an die Buchhaltung, bevor eine Erstattung automatisch gebucht wird.

Der nächste Schritt

Ein guter erster Schritt ist, eine Woche lang mitzuzählen, wie viele Retouren tatsächlich einem der Standardgründe folgen und wie viele eine echte Prüfung brauchen. Das Verhältnis zeigt meist schon, ob sich der Aufbau lohnt. Auf der Branchenseite KI für Onlinehändler stehen weitere Beispiele aus dem Onlinehandel, dazu die Fragen, die in Erstgesprächen mit Onlinehändlern am häufigsten gestellt werden. Wie Kundenservice und Buchhaltung im selben Betrieb zusammenspielen, steht im Beitrag KI im Onlinehandel: Kundenservice, Retouren, Buchhaltung.